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Gemeinwesenorientierte Kulturentwicklung und Bildungsarbeit in der Gemeinde Wagrain
Einleitung „Der rasche Strukturwandel hat alle Bereiche unserer Gesellschaft
erfasst. Auch das Verständnis von Bildungs- und Kulturarbeit ist
von diesen Veränderungen betroffen. Bildung ist nicht nur auf die
Vermittlung von Wissen beschränkt, sondern wesentlich auf Persönlichkeitsbildung
und gesellschaftliches Engagement ausgelegt. Dazu gehören neben Kreativität
und Kritikfähigkeit auch soziale Kompetenzen und die Bereitschaft
zu innovativen Ansätzen und Projekten, sowie die Fähigkeit,
diesbezügliche Netzwerke zu entwickeln.
Die Entwicklung der Bildungs- und Kulturarbeit Als ich 1990 nach Wagrain zurückkehrte, hatte ich mein Studium der
Völkerkunde und Volkskunde an der Universität Wien abgeschlossen
und war bereits ein Jahr als wissenschaftliche Mitarbeiterin bei Projekten
zur Bildungsplanung am BFI Linz tätig. Ich wollte nicht in der Stadt
leben und arbeiten, sondern unbedingt wieder zurück in die Region.
In Wagrain versuchte der Heimatmuseumsverein seit 1974 das kulturelle
Erbe der Gemeinde zu bewahren und Einheimischen sowie den Besuchern zugänglich
zu machen. Viele verdiente Gemeindemitglieder, wie Alois Doppler, Erwin
Exner, etc. bauten eine Sammlung auf. Die Frage der Zusatzfinanzierung dieses neu initiierten Projektes musste allerdings erst gelöst werden. Schließlich sagte die damalige Arbeitsmarktverwaltung eine einjährige Finanzierung der beginnenden Kulturarbeit in Wagrain zu. Etwa zur gleichen Zeit starb auch Dita Waggerl, die Witwe Karl Heinrich Waggerls. Aufgrund einer testamentarischen Verfügung ging ab diesen Zeitpunkt das Wohnhaus Dita Waggerls sowie das gesamte Inventar an die Gemeinde Wagrain über, mit der Auflage alles so zu bewahren wie es ist und eventuell daraus ein Museum für den Dichter zu machen. Die Gemeinde hatte also Handlungsbedarf und so wurde ich umgehend mit der Erarbeitung des Kultur- und Museumskonzeptes betraut. Nach Auslaufen der einjährigen Arbeitsmarktförderung
stellte sich erneut die Finanzierungsfrage. Der Bund (Bildungs- und Kulturministerium)
war generell zu einer Unterstützung bereit, wollte aber einen Träger,
der als Subventionsempfänger fungierte. Nach einer Anfrage beim Salzburger
Bildungswerk, welches sich für dieses Projekt damals nicht interessierte,
ergab sich schließlich eine Zusammenarbeit mit der arge region kultur.
Der Geschäftsführer Anton Rohrmoser erreichte durch seine Bemühungen
meine Anstellung bei der arge region kultur und die dafür nötige
Finanzierung über das Bundesministerium für Unterricht und Kunst.
Die Gemeinde konnte sich dadurch auf die Erfüllung ihrer Wünsche im Bildungs- und Kulturbereich verlassen, musste aber nicht allein dafür aufkommen. Die arge region kultur wiederum gewährleistet den Erfahrungsaustausch und die Weiterbildung. Die Professionalität wird durch die Leitung und begleitende Konzept- und Organisationsentwicklung des Geschäftsführers Anton Rohrmoser gesichert.
Der Kulturverein „Blaues Fenster“ Der Heimatmuseumsverein, bei dem ich das erste Jahr angestellt war, griff
für meine kulturpolitischen Vorstellungen zu kurz. Nach dem ersten
Anstellungsjahr wurde in vielen Sitzungen und Gesprächen interessierter
Wagrainer nach einer neuen Lösung gesucht. Diese Suche mündete
in die Gründung des Wagrainer Vereines für Heimat und Kultur
„Blaues Fenster“ (später einfach Kulturverein „Blaues
Fenster“). „Kultur ist alles, was dem Individuum erlaubt, sich gegenüber dem heimatlichen Erbgut zurechtzufinden, alles, was dazu führt, dass der Mensch seine Lage besser begreift, um sie unter Umständen verändern zu können“. Aus dieser Definition wird deutlich, warum eine so verstandene Kulturarbeit gleichzeitig Bildungsarbeit ist. Der „Kulturverein „Blaues Fenster“ wendet sich bewusst von gängiger, rein auf Veranstaltungstätigkeit abzielender, Arbeit ab und postuliert einen offenen Kulturbegriff. Im Vordergrund steht dabei, die Kultur- und Bildungsarbeit von Anfang an als bewusst offene und nicht fachspezifisch eingeschränkte Tätigkeit zu begreifen. Ein offenes Arbeitsfeld bedeutet: Themen und Inhalte werden nicht vorgegeben, sondern resultieren aus alltäglichen Erfahrungen und subjektiven Zugängen der Beteiligten. Inhalte und Arbeitsweisen werden in einem offenen Prozess mit Einzelpersonen oder Gruppen erarbeitet.
Modell Wagrain: gemeinwesenorientierte Kulturentwicklung und Bildungsarbeit als Leitgedanke Das Modell beruht - sowohl inhaltlich als auch finanziell - auf der Basis der Zusammenarbeit der drei beteiligten Organisationen (arge region kultur, Gemeinde Wagrain und Kulturverein „Blaues Fenster“). Für die Einhaltung der Vertragsrichtlinien sorgt ein Beirat (6 Personen), der die Arbeit überwacht und dem in mindest einer jährlichen Sitzung über die Arbeit berichtet wird. Primäre Ziele der gemeinwesenorientierten Bildungs- und Kulturarbeit in Wagrain sind die Förderung von Kreativität und sozialem Lernen, die Förderung von Kommunikation und Öffentlichkeit, die Förderung bedarfs- und problembezogener Bildung und Entwicklung eines lebenswerten soziokulturellen Klimas. Somit umfasst die Arbeit eine Vielzahl von Schwerpunkten, Aktivitäten
und Zugängen im Schnittpunkt der Bereiche Bildung, Kultur und Soziales.
Es geht bei dieser Art der Kultur- und Bildungsarbeit nicht primär
um vorzeigbare Resultate, sondern vielmehr um Inhalte und die Form –
die Art und Weise des Herangehens. Nicht was gemacht wird steht im Vordergrund,
sondern das wie. Entscheidend für den Zugang und die Herangehensweise an die Kultur- und Bildungsarbeit sind basisorientierte, prozessorientierte, integrative und fächerübergreifende Tätigkeiten. Zentral dabei ist die Gemeinwesen- und Lebensweltorientiertheit dieser Arbeitsbereiche Meine eigene Rolle in diesem recht gut funktionierenden System ist die eines Motors und gleichzeitig auch die eines Katalysators. Als Motor halte ich das System am Laufen, indem ich mich um die Rahmenbedingungen kümmere und immer wieder neue Anstöße und Ideen initiiere. Als Katalysator wirke ich dann, wenn eine Idee oder ein neues Projekt einmal ins Rollen gebracht worden ist. Meist ziehe ich mich in den Hintergrund zurück und konzentriere mich auf den Rahmen, das Management und die Organisation. Den inhaltlichen und kreativen Teil übernehmen die anderen Projektteilnehmer aus der Gemeinde, sowie eingeladene Fachkräfte von außen. Gesamt gesehen besteht meine Arbeit im Rahmen des Modells hauptsächlich aus Management und Marketing im Non-Profit-Bereich und sehr viel aus Kommunikationstätigkeit sowohl nach innen als auch nach außen. Den inhaltlichen Teil bestimmen dann großteils Menschen aus der Gemeinde (wie beispielsweise Mitarbeiter des Kulturvereines oder anderer Vereine, Gemeindevertreter, Vertreter des Tourismusverbandes, Vertreter der Wirtschaft, der Pfarre, der Schulen, etc.) oder der Region. Sehr oft werden als zusätzliche Unterstützung Fachleute, Künstler oder Wissenschafter eingeladen, die im inhaltlichen Bereich mitarbeiten. So entstanden im Laufe der Jahre viele Kooperationen und Arbeitsgemeinschaften, die sich oft als sehr erfolgreich erwiesen und automatisch ein dichtes flexibel funktionierendes Netzwerk ergaben, das letztendlich das Modell Wagrain nährt und mit Leben erfüllt. Beispiele für Kooperationen sind:
Dieser hohe Grad an Integrität und an Basisbezogenheit bewirkt, dass die Arbeit im Rahmen des Modells relativ nahe an die Bedürfnisse der Bevölkerung herankommt und auch ziemlich nahe am Puls der Zeit ist. Die Finanzierung dieser Projekte ist jedoch oft schwierig, weil sie eben so neuartig - manchmal auch so einfach und unspektakulär sind. Der eigentlich größte Aufwand bei vielen dieser Projekte ist die sogenannte „man (woman) power“ in Form von Management- und Koordinationstätigkeiten. Die Förderstellen gehen in ihrer Förderpolitik oft nicht auf diese Tatsache ein, das heißt, der vermehrte Organisationsaufwand bei gemeinwesenorientierten Projekten wird viel zu wenig berücksichtigt. Die Bildungs- und Kulturarbeit ist auch im hohen Maße mit meinem Privatleben verknüpft, beides lässt sich nicht wirklich voneinander trennen. Um diese Arbeit mit all den Ansprüchen und Zielen gut bewältigen zu können, muss ich ein doppeltes Leben, ein Leben zwischen zwei Stühlen führen. Einerseits lebe und arbeite ich wie alle Wagrainer - andererseits kommuniziere ich auch intensiv nach außen. Daher muss ich auch außerhalb von Wagrain sein und leben. Ich muss in der Lage sein, die Entwicklungen, die sich im Rahmen des Modells Wagrain ergeben und abspielen, von einer intellektuellen Sichtweise und Metaebene aus zu erfassen, um die Arbeit evaluieren zu können. Diese schwierige Rolle macht mir oft sehr zu schaffen, sie bedeutet für mich immer wieder Einsamkeit und Zerrissenheit. Durch die zeitintensive Arbeit in Wagrain und meine örtliche Gebundenheit als Frau am Land mit Familie, ist es für mich nicht immer einfach, mich nach außen zu begeben, um mich mit Menschen in ähnlicher Situation zu treffen und auszutauschen. Um eine Außensicht zu erhalten sind die Teamtreffen der arge region kultur daher für mich sehr wichtig. Dieses doppelte Leben hat aber auch den Vorteil, dass ich gezwungen bin, immer genau zu schauen, immer lebendig und kreativ zu bleiben und mich dem Puls der Zeit zu öffnen und mit ihm zu gehen. Die Betrachtung traditioneller Lebens- und Kulturformen ist für die Bildungs- und Kulturarbeit ebenso zentral. In der Entwicklung von Projekten ging und geht es daher darum, Traditionelles mit Innovativem, Bekanntes mit Neuem zu verbinden. In den ersten Konzepten wird dies auch mit dem Begriff der Heimat ausgedrückt. Ein so verstandener Heimatbegriff beinhaltet neben der Berücksichtigung von Traditionellem, auch den Anspruch neue Formen von Kultur zu entwickeln und zuzulassen.
Mein persönlicher Zugang zur Gemeinwesenarbeit Bei der Entwicklung dieses gemeinwesenorientierten Kulturmodells hatte meine Erstausbildung, das Studium der Völkerkunde und Volkskunde, einen prägenden Einfluss. Sowohl die europäische als auch die allgemeine Ethnologie sind philosophische vergleichende Wissenschaften, die sich damit befassen, wie sich die verschiedenen Kulturen entwickelt haben, wie kulturelle Systeme funktionieren und was hinter kulturellen Systemen steckt. Eine Grunderkenntnis daraus ist, dass kulturelle Äußerungen abhängig sind von Zeit, Ort und Lebensraum. Ein elitäres Kulturkonzept, das Kultur nur nach einem bestimmten Maßstab messen will, hat darin keinen Platz. Dies erleichterte mir den Weg in Wagrain einen prozesshaften und basisorientierten Zugang zu den Menschen zu finden, ohne darauf achten zu müssen, was denn andere, vor allem städtisch orientierte Menschen, wie beispielsweise alle mit Bildung- und Kultur befassten Ämter und Stellen, sowie die Wissenschaft oder die Medien, von diesen Aktivitäten hielten. Neben meiner ethnologischen Ausbildung waren es vor allem auch die Arbeitsprinzipien der arge region kultur und die begleitende Organisationsentwicklung von Toni Rohrmoser, die die Entwicklung meiner Arbeit im Laufe der Jahre sehr beeinflussten. Dadurch lernte ich den Begriff „Gemeinwesen“ eigentlich erst kennen und zu begreifen, dass ich von Anfang an gemeinwesenorientiert arbeitete, ohne mir darüber bewusst zu sein. Um mehr über die Strategien und Methoden der Gemeinwesenarbeit kennenzulernen und um Zusammenhänge auf diesem Gebiet besser zu erkennen, besuchte ich von 1993 bis 1995 den Lehrgang „Gemeinde als Lebensraum für ProjektleiterInnen und ProjektberaterInnen in der politischen und soziokulturellen Arbeit, veranstaltet vom Institut für Gemeinwesenentwicklung (Communal Conzept), dem Haus der Begegnung in Innsbruck und dem Tiroler Volksbildungsheim Grillhof. Zusätzlich konnte ich durch den Besuch einiger Seminare
der Reihe Gemeinwesenarbeit bzw. Gemeinwesenentwicklung am Bundesinstitut
für Erwachsenenbildung einen Einblick gewinnen welche Vielfalt an
gemeinwesenorientierten Projekten es in Österreich gibt und wie im
Einzelnen die Zusammenhänge zur Erwachsenenbildung, zur Kulturentwicklung
sowie zur Sozialarbeit herzustellen sind. Ich hatte aber immer noch das
Gefühl, dass es mir für eine für eine wirklich erfolgreiche
Arbeit in einer Gemeinde noch an wirtschaftlichen Know How fehlte. Also
entschloss ich mich 1998 die Wifi-Fachakademie für Marketing und
Management zu besuchen, die ich dann im Jahr 2000 abschloss. Dieses gemeinwesenorientierte Konzept der Kultur- und Bildungsarbeit
in Wagrain wird aber auch hinterfragt und problematisiert. So reichen
beispielsweise die Schatten Karl Heinrich Waggerls hin bis zu politischen
Zuordnungen. Ich versuche dann diese von außen kommende Kritik
sehr behutsam und sensibel nach innen zu vermitteln. Dies ist ein Prozess,
der die Sichtweise einer traditionellen Heimat- und Volkskultur berücksichtigt
und ernst nimmt und damit oft zu einer schwierigen Gratwanderung wird.
Beispiele für konkrete Projekte in Wagrain Neben vielen Kultur- und Bildungseinzelveranstaltungen, der Durchführung von Symposien, diversen Arbeitskreisen, der Arbeit im Waggerl Archiv , dem historischen Gemeindearchiv und mit der Heimatsammlung zeigen folgende Projekte anschaulich in welchen Spektren sich die Kultur- und Bildungsarbeit in Wagrain bewegt: Projekt: Wagrainer Kulturspaziergang Projekt: Alltagskultur Projekt: Waggerl Haus Projekt: „Musik und Theater am Marktplatz“ Projekt: Fotogruppe Wagrain
Brennende Fragen am Beginn des Projektes: Der Ablauf des Festes ist wie bei Brauchtums- veranstaltungen jedes Jahr sehr ähnlich. Bewusst wird auf Highlights verzichtet, vielmehr stehen die Menschen mit dem wie sie sind, die Landschaft, das Wetter sowie die Stimmung der Natur im Vordergrund. Die Änderungen, die in Form von Arbeitskreisen und Gruppenarbeiten jedes Jahr erarbeitet werden, betreffen in erster Linie Details im Ablauf und die Inhalte und Symbolik des Festes.
Die Besucher werden in der Talstation der Gondelbahn Flying Mozart von den Wagrainer Bäuerinnen und Bauern mit einem Honigschnapserl und einem Kletzenbrot begrüßt. Danach gehts per Seilbahn entlang einer geheimnisvoll beleuchteten Gondeltrasse zu Mittelstation, wo die Besucher von den Kindern der Hauptschule begrüßt werden. Entlang des Weges zur Feuerstelle laden brennende Baumstämme und szenische Darstellungen von Kindern zu kurzen Pausen ein. Während des mit Fackelschalen beleuchteten Weges zum Feuer ist bereits eine stimmungsvolle, leise Musik zu hören und die Besucher erhalten das Wunschholz. Bei der Feuerstelle werden sie begrüßt und die Frauen der katholischen Frauenbewegung laden zu warmen Glühwein oder alkoholfreiem Punsch ein.Die Feuerzeremonie leitet Pfarrer Mag. Bernhard Rohrmoser, der auch seinen Segen für die kommende Saison ausspricht. Die Umrahmung der Zeremonie erfolgt sehr eindrucksvoll durch Trommler und Weisenbläser der Wagrainer Musikkapelle.Nach dem Verbrennen des Wunschholzes beginnt die Laternenwanderung ins Tal. Der ganze Weg ist ebenfalls mit kleinen Fackelschalen beleuchtet. Die gut sichtbaren Feuerzeichen an den Berghängen von Wagrain und die sieben kreisförmig angeordneten Feuer am Pfarrerfeld leuchten den vom Berg heruntergehenden oder –fahrenden Festgästen bereits stimmungsvoll entgegen. Am Pfarrerfeld erhalten die Besucher warme Steine und die Linsensuppe, die aus mitgebrachten oder gekauften Holzschüsserln gegessen wird. Das gemeinsame Essen der Speise bedeutet Geselligkeit, Gemeinschaft und Wärme für Körper und Seele. Die Saisonwendsteine, werden jedes Jahr von den Lehrern und Schülern der Wagrainer Haupt- und Volkschule bemalt und dann vor dem Fest in der Sauna der Wasserwelt Amadé erwärmt. Der Tanz der Kinder des Kindergartens überträgt symbolisch die Kraft des Feuers und der Gemeinschaft auf die Saisonwendsteine. Je nach Wunsch bringt der Stein Glück für die nächste Saison, sei es als Gast, als Einheimischer, als Schifahrer, als Langläufer, als Winterwanderer, als Wirt, als Vermieter, je nach Bedürfnis. Der Stein ist also ein Symbol der Verbindung von verschiedenen Bedürfnissen die in Wagrain auftreten.
Symbole des Festes: Laterne: Wunschholz: 7 Feuer am Pfarrerfeld: Saisonwendspeise: Saisonwendstein: Sobald die ersten Informationen über das Fest an die Öffentlichkeit drangen, keimte auch Kritik in verschiedene Richtungen auf, zum Beispiel: das Saisonwendfeuer ist ein neu erfundener Brauch, doch neue Bräuche einfach so zu erfinden, das darf nicht sein, oder das Saisonwendfeuer ist ein touristischer konstruierter Event und benütze die Kultur und das alte Brauchtum für Marktinteressen...etc. In diesem Zusammenhang vertreten die Volkskundlerinnen Dr. Ulrike Kammerhofer und Dr. Eva Kreissl nachfolgende Auffassungen zu den Fragen, was ist ein Brauch, was ist echt und was ist unecht? „Bräuche (oder in heutiger
Definition: gemeinschaftsgebundene, ein Gemeinschaftsgefühl
erzeugende, normierte, stilisierte und ritualisierte Handlungen) werden
immer dann zu einem tiefgreifenden Ereignis, wenn wir sie als „authentisch“,
als persönlichkeitswirksam erleben – wenn sie „unter
die Haut“ gehen.
....Ob daraus ein einmaliges Event oder ein dauerhafter neuer Brauch werden wird, kann keine wissenschaftliche Anleitung, keine Marktforschung voraussagen. Allein das Erleben und Empfinden der Wagrainer Bevölkerung wird das weisen.“ Dr. Ulrike Kammerhofer; Salzburger Landesinstitut für Volkskunde; Salzburg „...Die Rauhnächte zur Jahreswende sind Phasen des Übergangs. Das Alte ist vergangen, doch das Neue noch nicht da. Wie das Überqueren eines Flusses oder der Wechsel von einem Lebensabschnitt zu einem anderen sind auch die Jahresübergänge Zeiten der Ziellosigkeit, der Unsicherheit und Anfälligkeit. In diesen Nächten darf das Feuer nicht erlöschen. Sein Schein versichert die Wiederkehr der Sonne wie das Licht am Ende des Tunnels. Solange das Feuer brennt, das Ziel sichtbar ist, können Trauer, Verzweiflung und Angst nicht den Weg verstellen. Neue Zeiten bringen neue Rituale. Die Gebräuche,
die sich an den natürlichen Bedürfnissen des Menschen und an
den Rhythmen seiner Arbeit orientierten, geraten in Vergessenheit. Ihre
äußere Erscheinung ist eine leere Hülle ohne Bezug zum
modernen Leben. Der Winter ist nicht mehr die Zeit der Besinnung, des
Flachsspinnens und der langen Erzählungen am Herdfeuer. Der Winter
bringt heute Gäste, nämlich Menschen die Erholung, Aktivität
und Fröhlichkeit suchen und damit bringt er für die Gastgeber
Arbeit, Wohlstand und Begegnung mit anderen Lebenswelten. Die innere Botschaft
der Wendezeit des Jahres ist dennoch gültig. Das Saisonwendfeuer
in Wagrain erinnert uns daran, Neues erst dann zu beginnen, wenn das Alte
abgeschlossen ist, Bedrohlichkeiten nicht zu ignorieren, sondern ihnen
im Schein des immer wiederkehrenden Lichtes entgegenzutreten und das Kommende
mit Freude zu begrüßen“.
Ich bin der Meinung, dass das Saisonwendfeuer eine sehr aktuelle und moderne Veranstaltung ist, die unendlich viele Facetten in sich birgt, entsprechend der vielen Menschen, die bei der Entwicklung und Umsetzung beteiligt waren und sind. Das Fest ist ein Spiegel von Strömungen und auch Spannungen, die es derzeit in Wagrain gibt und es ist daher gleichzeitig traditionell, modern, kulturell sowie auch wirtschaftlich ausgerichtet. Ich halte das Fest für sehr ehrlich, und in diesem Sinne freue ich mich, welche spannenden Erfahrungen und Entfaltungen bei gemeinwesenorientierter Kultur- und Bildungsarbeit entstehen können.
LEBENSLAUF Mag. Elisabeth Kornhofer
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