Wagrain-Waggerl Haus, Videofilm

"Leben zwischen den Zeilen"
Von Harald Friedl Über seinen Videofilm, aus MuseumskatalogIch kannte Waggerl von klein auf. An der brummeligen Stimme, am gütigen Blick, an der Aufregung der Großmutter wenn die Fernsehsprecherin ankündigte: ‘Unsere Sonntagserzählung‘ oder ‘Aus meiner Bibliothek, Karl Heinrich Waggerl liest...‘.
Er war ein Prophet der Zufriedenheit. Niemand wirkte inspirierter von den Kräften, die die Welt im Lot halten. Obwohl er aus einer anderen Welt, einer alten Zeit zu stammen schien, war der mit Plastikblumen geschmückte Fernsehapparat im Kleinhäusl sein Medium.

Dieses Bild fand ich wieder in den Sichtungskabinen des ORF bei der Materialrecherche für ein kurzes Videoportrait des Dichters. Eine persönliche Aussage, ein freimütiges Statement hoffte ich vor allem zu finden. Doch nur Lesungen gab es in reichem Maß: im Fernsehen, beim Adventsingen, im eigenen Haus scheinbar aus dem Leben berichtend. Denn auch bei diesen Aufnahmen stellte er die Dichtung vor sein Leben, las er aus literarischen Texten, die außerhalb des Bildrandes platziert waren. Wie heißt es bei Waggerl? Mehr, als in seinen Texten zu finden ist habe er nicht zu sagen.
Bei meinem letzten Rechercheanlauf ergab sich dann doch Überraschendes: ein offenbar niemals gesendeter Beitrag seines Freundes Rudolf Bayr enthält acht Minuten ungefilterter Aussagen Waggerls, die in der Wohnung seiner Freundin aufgenommen worden waren. Waggerl ist ein Greis, krank, fast hinfällig wirkt er manchmal. Die Passagen bestechen nicht so sehr wegen ihres Gehalts an Neuigkeiten, als wegen der Lebenshaltung, die Gestik und Stimme dokumentieren. Diese Aufnahmen bestätigen jenes Bild, das seine wahren Freunde von ihm zeichneten, wenn sie sein falsches in der Öffentlichkeit korrigieren, wenn sie der Bagatellisierung Waggerls als gemütlichen Idylliker entgegenwirken wollten.

Die ausdrucksstärksten Bilder Waggerls aber blieben seine eigenen Fotografien aus den 20er Jahren. Nicht nur, weil sie Aufnahmen aus einer Zeit waren, zu der noch kein öffentliches Bild von ihm existierte, sondern weil sie seinen Blick auf sich selbst (seine Posen) und auf seine Umwelt zeigen. Sie sind stilisierend und demaskierend zugleich. Das macht sie über ihre ästhetischen Qualitäten hinaus für die Interpretation des Menschen bedeutsam. Er ist melancholisch, ängstlich, skeptisch, eitel...

Erst im Jänner 1994 wurden private 8-mm Filme gefunden. Die meisten Rollen zeigen Spaziergänge mit seiner Frau. Es ist schwer den dilettierenden Filmer der 40er Jahre mit dem Perfektionisten der frühen Fotografien zur Deckung zu bringen. Eine Rolle zeigt die Maifeier 1939 in Wagrain. Als Höhepunkt liest Waggerl. Von seiner teilweise deklamatorischen Gestik lässt sich ableiten, dass es sich nicht um den Vortrag eines literarischen Textes handelt, eher um eine Rede. Der Kameramann oder die Kamerafrau scheint übrigens großen Wert darauf gelegt zu haben, ihn just beim Hitlergruß gerade noch einzufangen.

waggerlhaus wagrain

 

 

 


Noch einmal zum Fernsehbild der 60er: Waggerl trug vor, als blicke er mit Ironie und heiterer Distanz auf die Widersprüche seines Lebens. Die ärgsten persönlichen Katastrophen erklangen daraus wie bloße Bagatellen im Nachhinein. Seine Episoden dienten den Älteren als Angelpunkt für das Erinnern, als Anlass, noch während der Sendung auf die eigene Armut früher anzuspielen und die Wirtschaftswunder-ungeduld der Kinder und Enkel zu zügeln.
Da Waggerl bestimmte Themen ausblendete, politische Verhältnisse, Nazizeit und Krieg etwa, gab er, wie jeder Chronist, dem selektiven Gedächtnis seines Publikums Orientierung.

Das Verhältnis Waggerls zu den Nationalsozialisten war auch für den Film ein schwieriges Kapitel, denn das begründbare Spektrum der Sichtweisen ist breit. Es reicht vom Nonkonformisten der riskierte zum Totalkonformisten der willig parierte. Sicher war er nicht nur in dieser Hinsicht jemand, der lavierte und ich glaube man tut weder Waggerl noch der Geschichte unrecht, ihn als mittelmäßig rührigen Mitläufer einzustufen, den man nicht aus der politischen Verantwortung des Künstlers entlassen kann.
Und weil Waggerl so typisch ist für die Attitüde der Verdrängung, wird der Konflikt auch nicht versiegen und sich vielleicht an diesem Film gelegentlich entzünden.

Weiter gehen wird auch die Diskussion um seine Stellung als Autor. Er selbst war sich seiner Schwächen und Fähigkeiten als Künstler sehr wohl bewusst. Er litt darunter, dass ihm die Anerkennung der Fachwelt versagt blieb.
Die Verehrung eines millionenfachen Publikums hat ihn dafür nicht entschädigt.
Waggerl sagte einmal, er sei wie ein Fuchs, der in einem Bau mit vielen Ausgängen lebt. So blieb er letztlich ungreifbar.
Auf die Literatur bezogen heißt das: man muss ihn zwischen den Zeilen suchen. Man kann ihn nur verstehen, wenn man bereit ist sich nicht vom humorigen Stilkleid einnehmen zu lassen, sondern die tiefe Düsterkeit seines Werks zu sehen. In dieser Polarität spiegelt sich das wohl zentrale Dilemma des Autors Waggerl. Er klagte, dass ihn das Publikum nicht wirklich verstand, tat aber alles, dass es ihn nicht richtig verstehen konnte.

Zum Schluss sei allen, die mir für diesen Film Gesprächspartner waren, ein paar Lichtstrahlen ins Dunkel dieser widersprüchlichen Persönlichkeit warfen, gedankt. Allen voran Lutz Besch für seine Erzählungen, seine Kritik und sein Vertrauen.

Harald Friedl

 

 

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