Wagrain-Waggerl Haus, Videofilm "Leben zwischen den Zeilen" Dieses Bild fand ich wieder in den Sichtungskabinen des
ORF bei der Materialrecherche für ein kurzes Videoportrait des
Dichters. Eine persönliche Aussage, ein freimütiges
Statement hoffte ich vor allem zu finden. Doch nur Lesungen gab es in
reichem Maß: im Fernsehen, beim Adventsingen, im eigenen Haus
scheinbar aus dem Leben berichtend. Denn auch bei diesen Aufnahmen
stellte er die Dichtung vor sein Leben, las er aus literarischen
Texten, die außerhalb des Bildrandes platziert waren. Wie heißt
es bei Waggerl? Mehr, als in seinen Texten zu finden ist habe er
nicht zu sagen. Die ausdrucksstärksten Bilder Waggerls aber blieben seine eigenen Fotografien aus den 20er Jahren. Nicht nur, weil sie Aufnahmen aus einer Zeit waren, zu der noch kein öffentliches Bild von ihm existierte, sondern weil sie seinen Blick auf sich selbst (seine Posen) und auf seine Umwelt zeigen. Sie sind stilisierend und demaskierend zugleich. Das macht sie über ihre ästhetischen Qualitäten hinaus für die Interpretation des Menschen bedeutsam. Er ist melancholisch, ängstlich, skeptisch, eitel... Erst im Jänner 1994 wurden private 8-mm Filme gefunden. Die
meisten Rollen zeigen Spaziergänge mit seiner Frau. Es ist
schwer den dilettierenden Filmer der 40er Jahre mit dem
Perfektionisten der frühen Fotografien zur Deckung zu bringen.
Eine Rolle zeigt die Maifeier 1939 in Wagrain. Als Höhepunkt
liest Waggerl. Von seiner teilweise deklamatorischen Gestik lässt
sich ableiten, dass es sich nicht um den Vortrag eines literarischen
Textes handelt, eher um eine Rede. Der Kameramann oder die Kamerafrau
scheint übrigens großen Wert darauf gelegt zu haben, ihn
just beim Hitlergruß gerade noch einzufangen.
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Das Verhältnis
Waggerls zu den Nationalsozialisten war auch für den Film ein
schwieriges Kapitel, denn das begründbare Spektrum der
Sichtweisen ist breit. Es reicht vom Nonkonformisten der riskierte
zum Totalkonformisten der willig parierte. Sicher war er nicht nur in
dieser Hinsicht jemand, der lavierte und ich glaube man tut weder
Waggerl noch der Geschichte unrecht, ihn als mittelmäßig
rührigen Mitläufer einzustufen, den man nicht aus der
politischen Verantwortung des Künstlers entlassen kann. Weiter gehen wird auch die
Diskussion um seine Stellung als Autor. Er selbst war sich seiner
Schwächen und Fähigkeiten als Künstler sehr wohl
bewusst. Er litt darunter, dass ihm die Anerkennung der Fachwelt
versagt blieb. Zum Schluss sei allen, die mir für diesen Film Gesprächspartner waren, ein paar Lichtstrahlen ins Dunkel dieser widersprüchlichen Persönlichkeit warfen, gedankt. Allen voran Lutz Besch für seine Erzählungen, seine Kritik und sein Vertrauen. Harald Friedl
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