Eva Kreissl über K. H. Waggerl

Mein Waggerl - nein mein Waggerl

Eine subjektive biografische Skizze von Eva Kreissl
In: Museumsführer Waggerl Haus


Diese Stimme. Warm und dunkel, so tief als käme sie aus der Seele selbst. Mit geschlossenen Augen gehört, dringt sie in die eigenen Tiefen ein, rührt an Gefühle von Vertrautheit und Sicherheit, wie sie sonst nur in Kindertagen verspürt werden. Nach Güte und Lebens-weisheit, auch nach Humor klingt sie und nach sehr viel Tabakrauch. Eine solche Stimme muss in einem gewaltigen Resonanzraum wohnen, in einem ruhigen, festen Korpus, groß und sicher auch beleiht.
Dann öffnet man die Augen und sieht Karl Heinrich Waggerl, der da aus seinen Werken liest: einen dünnen bis ins Alter schlacksigen Kerl, dem es einfach nicht gelingen mag, seinen Haarschopf beim Lesen zu bändigen. Zuweilen fahrig balanciert er auf der Kante seines Sitzes, beansprucht beim Lesen seinen ganzen Körper bis hin zu den Füßen, er zappelt und windet sich, blickt unstet da- und dorthin. Nirgends ruht er - als wolle er möglichst rasch wieder von hier verschwinden.

Doch bevor Waggerl noch seine Geschichte beendet hat, geschieht das Bemerkenswerte: Weg ist er. Einfach in Luft aufgelöst hat sich der Eindruck der Unstimmigkeit.
Hat sich der Inhalt seiner Worte so mit seiner Stimme verbündet, dass sie gemeinsam die Empfindung des Unsteten vergessen machen? Oder ruht hinter aller Fahrigkeit doch ein ruhiger, fester Kern? Ist man auf die Tricks einer gelungenen Performance hereingefallen? Oder war man mit den Erwartungen an eine solche Stimme aufs Glatteis geschlittert?
Jedenfalls ist das Erlebnis, Waggerl zu hören, rund geworden. Man hat einer Erzählung gelauscht, aus der jeder etwas ganz Spezielles für sich herausziehen kann, eine Erkenntnis über den Lauf der Dinge, eine tiefere Wahrheit als die Willfährigkeit des Alltags sie zulässt, einen Trost oder eine Liebkosung des inneren Schweinehundes. All das passt zu dieser Stimme, zu diesem Gebrumm eines Bären.

Und man kauft es diesem Kerl ab, der so gar kein Bär ist. Das ist gut so, denn Bären sind ja eigentlich gefährliche Tiere und weit weniger gemütlich als ihnen unterstellt wird. Wieviel mehr wiegt doch die Sicherheit, die der vermittelt, der selbst unsicher wirkt und so, als ob er wisse wie man selbst, welche Abgründe das Leben bereit hält.
Karl Heinrich Waggerl hat um die Magie seines Auftritts gewusst, den Eros seiner Stimme genau gekannt. Je mehr Menschen er mit ihr in seinen Bann zog, um so klarer entwickelte er seinen Schreibstil. Er modellierte die Sätze nach ihrem Klang als gesprochene Worte und definierte sich selbst nicht mehr als Schrift- sondern als Sprachsteller.
Karg war dieser Stil, holzschnittartig, oder wie ein Kritiker formulierte, „wie mit der Hacke gemacht“: manchmal leichthin, doch nie spielerisch, weniger grob als streng und kein Schnörkel, kein Wort zuviel, jedes einzelne sorgsam wie auf der Goldwaage gewogen und dort hingesetzt, wo die Melodie es verlangte. Mit sparsamen Mitteln komponierte er seine Erzählungen wie zweistimmige Lieder.
Die erste Stimme berichtet von Ereignissen, die selten dramatisch sind, oder vielmehr immer weniger dramatisch werden im Lauf der Jahre seines Schaffens. Zwischen scheinbar harmlosen Begebenheiten sind humorvolle oder gedanken-verlorene Betrachtungen gestreut. Die zweite Stimme aber, die dunklere, lässt eine Ahnung von der tieferen Bedeutung dieser Schilderungen aufkommen. Und seine, Waggerls Stimme, beherrscht beide Lagen.

Bereits mit seinen ersten großen Romanerfolgen vor dem II. Weltkrieg (“Brot“, “Schweres Blut“, “Das Jahr des Herrn“ und “Mütter“) begab er sich auf Vorlese-Reisen, vor allem nach Deutschland. Leider existieren keine Mitschnitte von seinen Auftritten aus dieser Zeit. Nur ein paar Photos zeigen ihn am Pult sitzend: ein gutaussehender Mann mit einem schmalen, klaren Gesicht, einem “Berglergesicht“, wie sein Freund Karl Springenschmid es kennzeichnete, karg - auch hier war nichts zuviel. Ambitioniert wirkt er auf diesen Bildern. Er hatte es geschafft, dass die Leute endlich hören wollten, was er ihnen zu sagen hatte. Ob er damals auch schon fahrig wirkte? Oder saß er zu dieser Zeit noch ruhig auf seinem Stuhl?
Nach seinen vier Romanen stockte Waggerls Produktion. Immer kürzer wurde, was er schrieb und immer kleiner der Blickwinkel. Vielleicht setzte er auf Tiefenschärfe. Nach dem Grund für sein so abrupt geringeres Schaffen befragt, antwortete er selbst, er habe bereits alles gesagt, was er habe sagen wollen.
Warum schwieg er dann nicht? Waggerl schrieb weiter, anders als vor dem Krieg, weit weniger und kürzer eben und mit immer stärkerem Akzent auf der heiteren Solostimme seiner Erzählungen. Die deutende Begleitung wurde nie stumm, doch für immer wenigere hörbar.

Und je kürzer er schrieb, je weniger er zu sagen hatte, um so mehr las er vor. Häufig und ausgedehnt waren seine Lesetouren. In den Briefen an seine Frau aber klagt er über die Beschwerlichkeit des Reisens, mokiert sich über die Stupidität seiner Zuhörer. Doch er reiste und las. Er brauchte sein Publikum.
Aus dieser Zeit stammen die Filmaufnahmen, die ihn so unstet zeigen.
Und Photos, jede Menge Photos gibt von Waggerl am Lesepult und im Kreise seiner Anhänger. Sie zeigen kein dünnes, kantiges Gesicht mehr, kein “Berglergesicht“, das mit den Jahren voll Sonne und Kälte immer fleischloser, schroffer geworden wäre und für jene, die das Alter schätzen, auch immer schöner. Waggerls Züge sind mit der Zeit weich geworden, sanfter, aber auch weniger markant. Vieles ist zu lesen in diesem Gesicht, doch die Klarheit ist aus ihm gewichen und auch der Eindruck, hier sei nichts zuviel.

Dem zusammenhängenden Fluss von Waggerls ruhender Mimik und Gestik entrissen, verraten die Bilder nicht nur günstige Charakter-züge. Aus einem Guss war er nicht, vielmehr eine schillernde Persönlichkeit mit zahlreichen Facetten, voller Widersprüchlichkeit und Ungereimtheit. Seine Sonnenseiten der Güte, der Liebens-würdigkeit, Aufmerksamkeit, Großzügigkeit und Klugheit warfen tiefe Schlagschatten der Schwäche und Eitelkeit, des Erfolgs-hungers, der Uneinsichtigkeit und des Mangels an Mut und Toleranz gegenüber Kollegen. Und immer wieder war er in der Lage, diese Züge zu durchbrechen, anders zu handeln, als man es von ihm erwartete.
In seinen Selbstdarstellungen ist er - im Unterschied zu seinem sonstigen Stil - spielerisch, manchmal unsicher, dann wieder sehr bestimmt, auf kokette Art bescheiden und geradezu artistisch im Umgang mit der mehrfachen Negation.

Das alles klingt nach einem Leben voller Brüche. Waggerl selbst schreibt nur über eine große Zäsur, den 1. Weltkrieg. In der Obhut einer fleißigen, strengen Mutter und eines lebensklugen, gütigen Vaters hatten sich die Erfahrungen von Armut, Sorge und Unsicherheit in seiner Kindheit leicht ertragen lassen. Noch pausbäckig meldete er sich 1916 zum Militär. An der Front wurde aus dem gewitzten Lausbub mit einem Schlage ein Mann. Krank, schwach und ausgezehrt, voller Eindrücke des schieren Grauens kehrte er heim.

Es folgten Jahre der Krankheit und Armut, doch voller Gedanken und Kreativität in der Zurückgezogenheit der Salzburger Berge. Über vieles half ihm sein handwerkliches Geschick hinweg und sein akribisches Interesse, Dinge so zu gestalten wie es Meister tun. Und er begann zu schreiben. Seine düsteren, schicksalsschwangeren Erzählungen entstanden, in denen er die Abgründe aufgearbeitet hat, die er im Krieg kennengelernt hatte, In ihnen zeigte er sich antiklerikal, antibürgerlich und anarchistisch - wozu er in seinen späteren Jahren so gar nicht mehr stehen mochte.

Doch eigenartig: Blättert man in Waggerls Photoalbum, scheinen diese seine besten Jahre gewesen zu sein. Aufrecht ist er, jung und auf dem Wege der Heilung. Man sieht ihn meist fröhlich, gerade-heraus lachend, manchmal versonnen; oft ist er mit Freunden beisammen oder an der Seite seiner schönen jungen Frau draußen in der Natur.
Dita Waggerl führte zu dieser Zeit Tagebuch: Nein, schlecht ging es den beiden nicht. Freilich, arm waren sie, doch ihr Leben war erfüllt - nicht allein mit Sorgen, sondern mit Plänen, mit künstlerischen und handwerklichen Arbeiten, mit Wandern, Skifahren und vor allem mit Theaterspielen und Singen.
Nicht viele Freunde hatten sie in Wagrain, wo Waggerl hätte Lehrer sein sollen, wenn ihn sein Lungenleiden nicht zur frühen Niederlegung seines Dienstes gezwungen hätte. Doch die wenigen waren gute Freunde, und die anderen Wagrainer tolerierten dieses eigenartige Paar mit den krausen Ideen im Kopf.

1924 gab Karl Heinrich Waggerl im Selbstverlag eine Sammlung von Aphorismen heraus. Von einem scharfen Verstand zeugen diese kritischen, entlarvenden, zuweilen gar zynischen Sentenzen, oft sind sie bitter, anklagend, selten nur versöhnlich. So prägnant und klar wie in diesem schmalen Bändchen wurde er nie wieder. Er war 27 Jahre alt und scheint viel Altersweisheit in diesen jungen Jahren bereits verbraucht zu haben.

An die 7 Jahre dauerte dieses Leben. Was Waggerl schrieb, wurde von den Verlagen konsequent abgelehnt. Das war viel Wermut für einen jungen Dichter, dem es in der Seele brennt. Das Schreiben diente seiner eigenen Katharsis, das Dunkle, Ungeheure in ihm musste er loswerden - doch niemand wollte es hören. Die Antwortschreiben der Verlage, denen Waggerl seine Geschichten angeboten hatte, waren kränkend, beleidigend. Und dann stieß er auf Knut Hamsun. Das war‘s. Hamsun lieferte eine zwar dunkle, schwere, aber eine positive Antwort auf all das, was in Waggerl nur Verzweiflung war. In Hamsuns Büchern war die heilende, die gute Essenz des Lebens, wie Waggerl es tagtäglich in den Salzburger Bergen führte, zusammengebracht mit seinem düsteren Ahnen von Schicksal, Tod und Schuld.
So musste es sein. Und so, genauso machte es Waggerl dann auch. Nicht gar so schwermütig geriet es ihm, ab und an rutschte ihm ein Schmunzeln zwischen die Zeilen, eine kleine Ironie, und vor allem die Frauen kommen bei ihm doch noch ein bisschen besser weg als bei Hamsun. So schrieb er “Brot“, um sich von seinem Vorbild lösen zu können.

Das war der Durchbruch. Der renommierte Inselverlag wagte den Abdruck, und es wurde ein großer Erfolg. Plötzlich rissen sich die Verlage um den unbekannten Autor aus den Bergen. Das war der zweite große Einschnitt in Waggerls Leben, und man kann ihn sich wohl nicht groß genug vorstellen.
Er verfiel in eine Art Schaffensrausch, verfasste innerhalb von fünf Jahren weitere drei Romane, dazu einige Erzählungen und Essays. Danach war er ein gemachter Mann. Er hatte der Welt bewiesen, was er konnte und war dem schwarzen Loch in sich entronnen. Ob er dadurch geheilt war, lässt sich schwer sagen. Es scheint so. Doch eine seiner subjektiven oder auch nur situativen Wahrheiten gab er in der Aussage wieder, er könne sich selbst nicht heilen, da er sich selbst nicht glaube.

Seinen Erfolg aber wollte er sich nicht mehr nehmen lassen, selbst wenn ihn das seinen aufrechten Gang kostete. Er ließ sich feiern von denen, die ihn feiern wollten, nahm jeden Preis an, den man ihm gab, las jedem Publikum vor und freute sich über jeden Applaus, egal von welcher Seite er kam.
Danach folgte wohl kein Bruch mehr, nur mehr ein stetiges Bröckeln. Waggerl schrieb seine kurzen Prosatexte, viel Autobiographisches darunter und seine Naturbetrachtungen, die ihn bald zum “heiteren Blumendichter“ abstempelten. Sein Publikum verehrte ihn treu, doch die Literaturkritik wischte ihn mit dem ihm so verhassten Terminus des “Heimatdichters“ zur Seite, wenn sie ihn nicht ganz ignorierte.

Dazu kamen nach dem Krieg die Angriffe wegen seiner politischen Betätigung im Nationalsozialismus (über deren tatsächliches Ausmaß bis heute keine letztliche Klarheit herrscht), Auseinandersetzungen mit zum Teil recht boshaften Kritikern, private Streitigkeiten - dies alles vor dem Hintergrund seiner zunehmend reproduzierenden Tätigkeit des Vorlesens und seiner schwindenden Schaffenskraft.
Immer wieder wurden ihm Wunden geschlagen. Nur hilflos wehrte er sich. Und gegen das schlimmste Übel seines Lebens schien überhaupt kein Kraut gewachsen: Er wurde nicht verstanden - von seinen Kritikern nicht und vielleicht noch weniger von seinen Anhängern.

Selten stand die Person eines Autors so sehr der Beurteilung seines Werkes im Wege wie Karl Heinrich Waggerl. Möglich, dass seine öffentliche Präsenz Ursache dafür war oder auch die zahlreichen Anleihen, die er bei seinem eigenen Leben machte, um sein Anliegen zu illustrieren. Seine Selbstdarstellung wurde für bare Münze genommen und damit zum Indikator für seine Literatur.

 K. H. Waggerl beim Skisprung am Wagrainer Haus

D Die sich von ihm angesprochen fühlten, sahen sein grundgütiges Wesen durch die Zeilen schimmern, die ihn ablehnten seine Verlogenheit. Waggerl hatte den Startpfiff gegeben, das Turnier aber fand ohne ihn statt:
Seine religiösen trafen ihre tiefsten christlichen Überzeugungen in Waggerls Werk wieder, bis jemand von einer anderen Mannschaft sichere Beweise für seinen Atheismus fand. Dabei hatte Waggerl lediglich die religiöse Verankerung zyklischer Lebensformen beschrieben, wie die Bauern sie zu seiner Zeit noch verkörperten, oder hatte dem Jesuskind einen Floh ins Ohr krabbeln lassen.

Oder: Waggerl war verheiratet und seinen Schriften ist zu entnehmen, dass er auf Tradition und christliche Werte hielt. Wenn dann ruchbar wurde, dass er nicht nur mehrere Freundinnen, sondern mindestens ein uneheliches Kind hatte, dem brach ein Idol zusammen. Für eine andere Fraktion war dieser Umstand dagegen ein neuer Beweis seiner Doppelmoral. Dabei erwähnt Waggerl seine Frau in seinen Schriften explizit nur ein einziges Mal, während seine Vorliebe für das ganze weibliche Geschlecht eine der Konstanten ist, die sich durch sein gesamtes Werk zieht. Und dass Ehe und Treue schützenswerte Einrichtungen seien, behauptet er an gar keiner Stelle. Warum fiel das weder der einen, noch der anderen Mannschaft auf?

Für manche Leser war er der einzige Dichter, der ihnen direkt aus der Seele sprach, für die anderen schlichtweg ein Epigone. Für die einen hielt er Menschlichkeit, Glaube und Anstand über Wasser, den anderen waren seine Romane Blut-und-Boden-Literatur. Und die Debatte, ob Heimatdichtung ernstzunehmende Literatur oder sentimentaler Schund sei, bediente sich immer wieder seines Beispiels, ohne je zu hinterfragen, ob Waggerls Literatur tatsächlich in die Kategorie der Heimatdichtung einzureihen sei.
Diesem Spiel schaute Waggerl verzweifelt bis resigniert zu. Erklären konnte er sich so wenig wie man einen Witz erklären kann, ohne seine Wirkung zu zerstören. Von seinen Verehrern hielt er wenig. Von seinen Kritikern hielt er mehr, sonst hätte er wohl nicht so beleidigt auf sie reagiert. Immerhin aber war seine Fangemeinde die größere Gruppe und sicherte ihm hohe Auflagen.

Selbst nach seinem Tod brach der Wettstreit nicht ab. Zwar wurde seine Anhängerschar kleiner und auch immer älter, doch sie wob fleißig am Bild vom guten und weisen alten Geschichtenerzähler. Die Gruppe seiner Kritiker wurde größer und immer jünger und warf Waggerl Mitwirkung am NS-Staat und seinen bruchlosen Übergang vom Austrofaschisten über den Naziliteraten zum angeblich harmlosen Nachkriegsösterreicher vor.
Karl Heinrich Waggerl wurde zum Mythos. Die einen bauten ihn auf, die anderen wollten ihn zerstören.
Bei aller Gegensätzlichkeit zeichnete sich eine Gemeinsamkeit bei den Schöpfern von Legende und Gegenlegende ab: Beide waren sich sicher zu wissen, wie Waggerl „wirklich“ war. Und abgesehen von einigen Details und Überspitzungen hatten wahrscheinlich beide Gruppen recht mit ihrer Ansicht. Es ist sogar anzunehmen, dass es noch mehr “wirkliche“ Gesichter Waggerls gegeben hat.
Das aber zeigt, wie absurd das Unterfangen ist, die „Wirklichkeit“ eines Menschen einzufangen und in einem Bild fixieren zu wollen. Auch hier soll kein weiterer Versuch in dieser Richtung unternommen und schon gar nicht nach einem goldenen Mittelweg gesucht werden.
Mit einer Ausnahme: So eindimensional wie seine Bewunderer und Kritiker war Karl Heinrich Waggerl selbst ganz bestimmt nicht. Mythos und Gegenmythos sind Produkte einer bemerkenswerten Schlichtheit, die allein die einfallslose Folgerichtigkeit von Wenn-dann-Konstellationen bemüht: Wenn Waggerl nicht ablehnend über Gott schreibt, dann war er ein Christ; wenn er die moralische Kraft eines der Zehn Gebote unterstreicht, dann muss er auch dem normativen Druck der restlichen neun gehorcht haben; wenn er die sittliche Ordnung des bäuerlich-ländlichen Lebens beschreibt, dann muss er auch so leben; wenn er sich in Briefen als NSDAP Genosse ausgibt, dann muss er auch einer gewesen sein; wenn er über schöne Dinge oder gar Pflanzen schreibt, dann ist er ein Idylliker; wenn einer über seine Heimat schreibt, dann ist er ein Heimatdichter; wenn einer Ausdruckskraft und Tiefe der deutschen Sprache hervorhebt, dann ist er ein Nationalist; wenn einer den Wert von Traditionen schätzt, dann gehört er zum konservativen Lager usw...

Je länger die Reihe dieser so scharf konturierten Zuschreibungen wird, um so mehr verschwimmt das Bild dessen, den sie charakterisieren wollen. Deutlich wird vielmehr das Bild jener, die solche Vorstellungen, wie Waggerl „wirklich“ war, entwerfen. Die Frage nach Mythos und Gegenmythos drängt sich durch die Häufigkeit und die Ähnlichkeit des argumentativen Musters selbst in den Hintergrund, um der Frage Platz zu machen, warum eigentlich mit Waggerl so verfahren wurde. Was war so einladend an ihm, Mythen zu bilden? Oder lag die Ursache dazu vielleicht gar nicht bei Waggerl selbst?
Natürlich fordert einer dazu heraus, der sich selbst darstellt und dabei wenig abwägt zwischen dem, was für ihn selbst wahr ist und was für andere wahr ist, und bei dem nie ganz klar wird,wo eigentlich die Grenze dazwischen verläuft. Doch gibt es, zumal unter Literaten einige. die die Geduld des Papiers weidlich ausnützen, ohne deshalb jener völlig kritiklosen Bewunderung und gleichzeitig einem abgrundtiefen Hass anheim zu fallen.

Sicherlich gibt es keine erschöpfende Erklärung für dieses Phänomen, doch sicher ist einer der möglichen Gründe in Salzburg selbst zu suchen. Denn in Deutschland war er lediglich ein zunächst viel gelobter und gelesener, bzw. angehörter Dichter, der dann irgendwann in Vergessenheit geraten ist. Und die ihn dort früher schon nicht mochten, vergaßen ihn einfach noch rascher oder schüttelten schlicht den Kopf, wie etwa Tucholsky, der sich mehr über Waggerls Verleger Kippenberg im Inselverlag wunderte, als dass er seinen bekannten Spott gegen Waggerl selbst gerichtet hätte.
Seine einzigartige Wirkung erzielte Waggerl nur in Österreich. Hier wurde er von so unterschiedlichen Kollegen wie etwa seinem Förderer Stefan Zweig, aber auch von Thomas Bernhard geschätzt, der ihn zu seinen Lieblingsautoren zählte. Je näher an Salzburg, um so erbitterter trennen sich Freund und Feind. Er war eben mehr als nur ein Dichter. Waggerl war eine österreichische, eine Salzburger Institution.
Von jenen Verehrern, die Waggerl selbst für schwache Köpfe gehalten hatte und deren Verständnis nie weiter als bis zur heiter-besinnlichen Oberfläche seines Werkes gedrungen war, wurde er der österreichischen Jugend als Erbauungsliteratur verordnet. Das Gute und das Österreichische, was dazumal fast Synonyme waren, sollte er ihr nahebringen. Selbstverständlich wurde dazu nicht Waggerls rebellisches Frühwerk herangezogen. Das wäre zwar der Jugend verständlich, aber alles andere als erbaulich gewesen. Sein Spätwerk jedoch geht niemandem nahe, der nicht wenigstens eine Ahnung von den Tiefen des Lebens hat. Wo noch keine Saite des eigenen Erlebens ist, die mitschwingen kann bei Waggerls Betrachtungen, verhallen seine Worte in der Tat als heitere Blumendichtung.
Kaum ein österreichisches Kind, das in den 50er und 60er Jahren nicht mit Waggerl „gequält“ worden war. In der Schule gehörte er zur vorrangigen Pflichtlektüre, im Fernsehen musste man ihn über sich ergehen lassen, bevor endlich die spannenden Sendungen ausgestrahlt wurden. Wenn man sich zur Firmung einen Photoapparat gewünscht hatte, kam die Patentante mit einem dieser Wald- und Wiesenbüchlein daher; und schließlich das Salzburger Adventsingen, das den Kindern termingerecht zur Vorweihnachtszeit Beschaulichkeit einimpfen sollte.
Als diese Generation dann erwachsen wurde und sich aus den Fesseln gesellschaftlicher Traditionen befreien wollte, setzte sie sich gegen die Macht der Institutionen zur Wehr - und irgendwann einmal auch gegen die vor der eigenen Haustür.

Das Missverstehen, mit dem sie an Waggerl herangeführt worden war, wurde nun zur Grundlage ihrer Kampfansage. Ob es darüberhinaus auch noch eine spezifisch Salzburger Art des “Wadlbeißens“ gibt, die ihre Qualitäten aus der kulturellen Bedeutung der Stadt, der Konkurrenz zu Wien, der Grenzlage zu Deutschland und der Stadt-Land- Situation bezieht, soll dahingestellt sein.
Noch 20 Jahre nach seinem Tod musste Waggerl für einen Skandal herhalten, der die Salzburger Gemüter kurz, aber kräftig bewegte. Sein photographisches Werk aus den 20er und 30er Jahren war entdeckt und veröffentlicht worden, inklusive zweier Aktaufnahmen seiner Frau und einer von ihm selbst. Wer geglaubt hatte, Waggerl sei in Vergessenheit geraten, wurde eines Besseren belehrt. Das Turnier wurde wieder aufgenommen. Als kleinbürgerlicher „Lüstling“ beschimpften ihn die einen, während die anderen auf den künstlerischen Wert der Akte hinwiesen und darauf, dass es sich ja schließlich um seine Ehefrau handle.

Seriöse Zeitschriften aber beurteilten das gesamte photographische Material Waggerls und stellten erstaunt fest, dass es nicht nur von großer Begabung zeugt, sondern einen „ganz anderen“ Waggerl offenbart, einen Vertreter der Moderne, vergleichbar den ganz großen Photokünstlern wie Man Ray. Ach, hätte Waggerl das noch erleben dürfen!
Mit seinem Hobby war ihm gelungen, was er in seinem Beruf nie geschafft hatte. Zum ersten Mal seit seinem Erfolg mit „Brot“ wurde nicht seine Person hergenommen, um sein Werk zu erklären. Seine recht widersprüchliche Persönlichkeit wurde lediglich erwähnt, um dann beiseite gelassen zu werden und den Blick auf sein photographisches Schaffen zu lenken, das ungeteilte Anerkennung und die Einreihung in internationale Maßstäbe fand.
Viele der Photographien sind Still-Leben, eine Brille, ein Strickzeug, ein Korb voller Eier, ein Geranienstock am Fenster. Die Dinge sind von einem ganz eigentümlichen Licht umgeben und werfen ihre Schatten, kurze und längere, Klarheit geht von diesen Bildern aus und jene Schönheit, die daher rührt, dass nichts zuviel ist auf ihnen. Ja, da ist er wieder, Waggerls knapper Stil, der selbst noch in seinem Gesicht zu finden war.

Die Bilder erzählen Geschichten, doch jedem eine andere. Und sie überlassen es dem Betrachter, sie in Worte zu kleiden, ihnen eine Ästhetik des Augenblicks zuzuschreiben oder sich von ihrer Aura des Zeitlosen berühren zu lassen. Sie kann recht konkret sein, diese Geschichte, oder abstrakt, düster, ahnungsvoll oder auch freundlich, tröstend. Die Sprache der Bilder ist offen, die der Worte ist begrenzt. Ein Korb voller Eier kann nicht falsch verstanden werden, weil er jede Deutung offen lässt. Wahrscheinlich hat Waggerl ihn kurz vor oder kurz nach Hitlers Machtergreifung in Deutschland aufgenommen. Eine Weltkatastrophe bahnte sich an - und Waggerl photographierte einen Korb voller Eier. Niemand nimmt‘s ihm übel. Eine Weltkatastrophe bahnte sich an - und Waggerl beschrieb die Ängste einer schwangeren Frau (in “Mütter“). Da wird ihm übel genommen, dass er nicht über die Weltkatastrophe schrieb, ihr damit gar den Weg bereitet habe.

Ein Photograph der Moderne kann es dem Betrachter überlassen, die Aktualität seiner Bilder zu erfassen. Aus einem Korb voller Eier kann durchaus eine Antwort auf Weltkatastrophen herausgelesen werden. Wenn man so will. Muss ein Schriftsteller der Moderne die Aktualität seiner Anliegens explizieren? Auch aus Waggerls Schriften kann eine Antwort auf Weltkatastrophen herausgelesen werden. Wenn man so will. Schließlich lenkt der eigene Standpunkt die Interpretation.

Ja, war dann Waggerl vielleicht gar ein Moderner?
Nur niemand hat‘s bemerkt.

Eva Kreissl



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