Lutz Besch über K. H. Waggerl

Karl Heinrich Waggerl (1897-1973)
von Lutz Besch

Ein Bild Waggerls zu entwerfen, bedeutet nicht nur, seinen Lebensweg nachzuzeichnen. Sein dichterisches Schaffen muss erörtert werden, die Auswirkungen seiner Arbeit sind zu betrachten. So also ist der hier vorgelegte Aufsatz dreigeteilt: er behandelt Weg, Werk und Echo.

WEG

Am 10. Dezember 1897 ist Karl Waggerl (den zweiten Vornamen „Heinrich“ hat er sich erst später zugelegt) in Bad Gastein geboren worden. Seinen Worten nach „von armen Leuten abstammend, in Dürftigkeit und ohne rechtes Studium aufgewachsen“. Das ist wichtig zu wissen, wenn man sich mit seinem Werk beschäftigt. Hier soll Otto Amann zitiert werden, der sich wie kein anderer mit Kindheit und Jugend Waggerls auseinandergesetzt hat. Er schreibt: „Die Eltern, als uneheliche Kinder selbst aus unsicheren Verhältnissen stammend, waren zum Zeitpunkt seiner Geburt von schwersten Existenzsorgen bedroht, nachdem der Vater seine Stelle als Zimmermann im Goldbergwerk am Radhausberg verloren hatte.“ In einer Zeit des vorherrschenden Wohlstandes, wie die unsere es zum Ausgang des 20. Jh.s ist, kann man sich das Elend der Familie kaum recht vorstellen, zumal wenn man daran denkt, dass Waggerl von dieser Kindheit als einer „Fröhlichen Armut“ berichtet hat. Fröhlich? Nein.
So ist es keineswegs zugegangen! Dass das Leben überhaupt ertragen werden konnte, dafür sorgte mit unermüdlicher, strenger Hingabe die Mutter, an deren Unnachgiebigkeit Waggerl sich später erinnert: „Herzlichkeit war ihr nicht gegeben. Ein Herzen und Kosen gab es bei ihr nicht.“ Der Vater ist da von ganz anderer Art gewesen. Über ihn schreibt der Sohn: „Er war gutmütig, aber nicht schwach, klug, aber nicht misstrauend. Niemals hat er mit irgendeinem Menschen Streit gehabt, er entwaffnete auch die schlimmsten durch die unbegreifliche Ruhe seines Wesens. Geschah ihm Unrecht, so bestand sein Urteil darin, die Ursachen aufzudecken.“ Von diesem Vater hat Waggerl ebenso viel geerbt, wie er von ihm gelernt hat.

Dass der Knabe kein üblicher Schüler war, fiel dem Lehrer bald auf. Er sorgte dafür, dass der Zwölfjährige nach Salzburg in die Bürgerschule kam (1909) und ab 1912 die Lehrerausbildung absolvierte. 1915 meldete Waggerl sich freiwillig zum Kriegseinsatz, nicht, weil er unbedingt Soldat werden wollte, vielmehr, weil er auf diese Weise peinlichen Prüfungen zu entgehen meinte. In diesen Salzburger Jahren wurden Karl Kraus und der Philosoph Otto Weiniger seine wesentlichen Lehrmeister. Dessen Werk „Geschlecht und Charakter“ (1903) entwickelte sich für den jungen Waggerl geradezu - wie man heute zu sagen pflegt - zum Kultbuch, aus dem er seinen Klassenkameraden immer wieder begeistert vorlas.

Die Zeit als Soldat an der Dolomitenfront brachte Waggerl „eine Kette grausamer Leiden, Entbehrungen und Gefahren“. Er fühlte sich ausgesetzt „an die unterste Grenze des Daseins“. Die Kriegsgefangen- schaft erlöste ihn zwar vom Entsetzen des Stellungskrieges, aber sie brachte ihm Krankheiten, die ihn durch das ganze Leben begleitet haben (Lungenleiden). Zugleich begegnete er Menschen, die ihn als geistiges Wesen ansprachen und förderten. Das ist mitentscheidend gewesen für seinen Weg, den er als Schullehrer einschlug, doch schon nach kürzester Frist wieder verließ. Im Pongauer St. Veit bekämpfte man seine Krankheit, in Schwarzach trat er seine erste Lehrerstelle an, in Wagrain im Jahr 1920 die zweite und zugleich letzte. Das geschah am 15. September. Zwei Wochen zuvor hatte er in Salzburg Edith Pitter geheiratet.
Mehrmals musste er sich krankheitshalber vom Schuldienst beurlauben lassen. 1923 trat er - sechsundzwanzigjährig - in den Ruhestand. Lebte nun bis zu seinem Tod 1973 in Wagrain und war lange Zeit auf die Hilfe anderer angewiesen. Man fütterte ihn halt so mit durch, und das hat Waggerl nie vergessen. Als Siebzigjähriger sagte er zu den Wagrainern: „Daß ich diese langen Jahre der Not damals überstehen konnte, verdanke ich allen meinen Wagrainer Freunden. Ich sage Euch, ich habe kein Stück Brot vergessen, das Ihr mir damals geschenkt habt. Und ich bin stolz darauf, daß Ihr mich auch heute noch als einen von Euch gelten laßt.“
Diese Worte sprach er als ein im ganzen deutschen Sprachraum gelesener und geliebter Dichter. Doch war es vom quälenden Hunger des Alltags bis dahin noch ein weiter Weg. Erst einmal hieß es, jede sich bietende Arbeit anzunehmen, ob als Arbeiter, ob im Versicherungswesen, ob als gelegentlicher Verseschmied, als Zeichner oder als Handwerker - Waggerl zeigte in allen Bereichen großes Geschick. Er verglich sich einmal mit einer geborstenen Brunnenröhre: es gelinge ihm nahezu alles, doch er verzettele sich … Das kam wiederum Wagrain zugute, denn er gründete Vereine, begann Theater zu spielen, unternahm in geselligem Rahmen, was sich nur unternehmen ließ. Er sei gewesen wie ein Hecht im Karpfenteich! Als 1927 der große Brand den Markt in Schutt und Asche legte, gehörte Waggerl zu den Unermüdlichen, die als Ausweg aus der Not die Fremdenverkehrsarbeit begründeten. Dafür ist er Jahre später Ehrenbürger Wagrains geworden.
Und er begann - gleich nach der Ankunft in Wagrain - zu schreiben, mühsam und selbstquälerisch. Schreiben ist dann sein ganzes Leben hindurch eine Aufgabe geblieben, die ihm äußerste Anstrengung bis hin zu Tränen abgefordert hat.

Den Anfang machten Aphorismen. Das ist bemerkenswert und verwunderlich, denn Waggerl hat sich seinen Namen als Erzähler gemacht. Damit aber begann er erst später. Die Arbeit, die als erste gedruckt wurde, war ein Essay „über Willensfreiheit“, veröffentlicht im Freidenkerblatt „Freundschaft“ (einer Monatsschrift zur Förderung der proletarischen Kulturbewegung). Auch die erste Lyrik aus seiner Feder zeigte eine Tendenz zum Sinnspruch. Und wenn er später einmal bekannte, dass er Romanabschnitte sozusagen ‚.kröne“ mit einer zusammenfassenden Sentenz, dann griff er dabei immer wieder auf die Aphorismen der 20er Jahre zurück. Diese Sprüche hat er damals auch selbst gesetzt, gedruckt und gebunden - als Gabe für die Freunde.
Erste Kurzgeschichten erschienen im „Salzburger Volksblatt“, danach in der Wiener Zeitschrift „Die Kultur“ und in der angesehenen deutschen „Rundschau“, in der Münchner „Jugend“. Die Honorare waren nie mehr als ein Tropfen auf den heißen Stein. Seine Freunde von damals erinnerten sich, dass er abgestempelte Briefmarken so in Teile schnitt und diese aufklebte, dass der Stempel verschwand, und er seine Post damit frankieren konnte… Sieben Jahre lang dauerte dieses qualvolle Anfangsstadium. Und dann veränderte sich alles wie mit einem Schlag! Waggerl reichte das Skript seines in kurzer Zeit verfassten Romans „Brot“ dem bedeutenden Insel-Verlag in Leipzig ein, dessen Gründer und Leiter Anton Kippenberg zu den großen europäischen Verlegerpersönlichkeiten zu zählen ist. Er war der überragende Pfleger des Goethe-Werkes, er brachte die Bücher von Rilke. Morgenstern, Carossa. Garcia Lorca, Valéry und anderen heraus - und nun mitten in diesem bedeutenden Kreis einen jungen Autor aus einem unbekannten Bergdorf mit seinem ersten Roman! Zu den entschiedenen Befürwortern zählte kein Geringerer als der damals in Salzburg lebende Stefan Zweig.

Waggerls Roman „Brot“ hatte auf Anhieb Erfolg. Als eine Art Gesellenstück in der Werkstatt und Nachfolge Knut Hamsuns geschrieben, zeigte er doch so große und starke unverwechselbare Eigenständigkeit im Sprachlichen, dass die Kritik ihn als gelungenen Eintritt einer dichterischen Kraft in die Literatur feierte. Waggerl war nun dreiunddreißig Jahre alt. Die Zeiten des Hungers überstanden. Das heißt, Reichtum machte sich keineswegs breit, denn der Verleger Kippenberg sorgte wie ein Vater für seine (Dichter-)Kinder, gab ihnen jeweils, was sie an Geld zum Leben brauchten, und verwaltete den (mehr oder weniger großen) Rest selbst. Mit Kriegsende (1945) ging diese nicht unerhebliche Summe für Waggerl verloren. Er musste beim Punkt Null beginnen.
Doch hatte er bis dahin sein Hauptwerk geschrieben. Außer dem Roman „Brot“ (193O) lagen die Romane „Schweres Blut“ (1931), „Das Jahr des Herrn“ (1934)- in neun Sprachen übersetzt - und „Mütter“ (1935) vor. Außerdem einige kleinere Prosaarbeiten wie „Das Wiesenbuch“ (1932) oder das ‚Wagrainer Tagebuch“ (1936). In den Jahren bis 1945 erschienen lediglich noch die schon früher entstandenen „Kalendergeschichten“ (1944).
Waggerl hatte wie wohl die große Mehrheit der Österreicher den Nationalsozialismus begrüßt, zuerst jedenfalls. Seine Kunsttheorie dagegen hat er stets - und schon lange vor 1938 - abgelehnt. Das alles ist bei ihm nachzulesen, auch dass er eine Zeitlang Bürgermeister in Wagrain gewesen ist, womit er - wie sich die Zeitzeugen dankbar erinnern - dem Ort aus einer Notlage herausgeholfen hat. Er ließ sich jedoch auch vor den Karren der Machthaber spannen - darüber hat er geschrieben, und es ist sinnvoll, diese ausführlichen Texte für ein Urteil heranzuziehen. Als die Amerikaner das Land besetzten, steckten sie auch Waggerl für kurze Zeit in ein Lager. Dann konnte er wieder von vorn beginnen, wozu ihm vor allem auf freundschaftlichste Weise der Salzburger Verleger Otto Müller verhalf- dessen Verlag 1941 von der Reichsschrifttumskammer geschlossen worden war. Die Verbindung zu dem inzwischen nach Wiesbaden übersiedelten Insel-Verlag war vom Kriegsende unterbrochen worden. Es dauerte Jahre, bis sie sich wieder knüpfen ließ.
Doch blieb Waggerl nun dem Otto-Müller-Verlag treu, ließ etliche (meist kleinere) Arbeiten aber auch anderswo erscheinen (bei der Arche in Zürich, im Residenzverlag in Salzburg), denn mittlerweile gehörte er für jeden Verleger zum lohnenden Geschäft! Die Zeit kam, in welcher er die Ernte einbrachte. 1948 war die „Fröhliche Armut‘ erschienen, 1950 „Das heitere Herbarium“, 1953 „Und es begab sich“ (die Weihnachtslegenden), 1956 die „Lieben Dinge“ - immer schmaler wurden seine Bücher, immer höhere Auflagen erreichten sie.

Wenn Waggerl vorlas, war der Saal stets überfüllt, In Wien strömten Tausende zusammen, um ihn aus seinen Adventstexten lesen zu hören … Er wurde zur Institution. und er wurde nicht zuletzt auch seiner nicht so recht zu begreifenden Erfolge angefeindet. „Neid“, sagte er. „Lädierter Charakter“, sagten die Gegner. Wieder andere - wie Hermann Hesse. Gertrud von Le Fort, Hans Weigel, Herbert Eisenreich oder Carl Jakob Burckhardt, Rudolf Alexander Schröder, Stefan Zweig, allesamt Leute, die im Bereich des Dichterischen beheimatet waren ließen sich von ihm faszinieren. Und der Salzburger Verleger rechnete zu Waggerls siebzigstem Geburtstag aus, dass etwa vier Millionen Bücher von ihm verkauft worden waren. Inzwischen sind es weit mehr.

Was ein Künstler an Ehre finden kann, das ist Waggerl zuteil geworden: Den großen österreichischen Staatspreis für Literatur erhielt er ebenso wie das österreichische Ehrenzeichen für Kunst und Wissenschaft oder die Adalbert-Stifter-Medaille. Er war Ehrenbürger Salzburgs, Badgasteins, Ehrensenator der Salzburger Universität. Man verlieh im Ehrenringe. nannte in Wagrain die Hauptschule nach ihm, anderswo bekamen Straßen seinen Namen, und ein Intercityzug der OBB (641) heißt „Karl Heinrich Waggerl. Zeichen der Wertschätzung, auch zum Schmuck der Gebenden geeignet.
Rudolf Bayr, der Freund, der erste Biograph (1947), beklagte, dass Waggerls Texte mit zunehmendem Alter immer kürzer würden.
Die Erzählung „Der Leibsorger“ war ursprünglich als Roman konzipiert. Fertig wurden nur die ersten rund dreißig Seiten … Waggerl schloss seine Werkstatt. Ob er wirklich wusste, wie hoch seine Einkünfte aus den Büchern waren, ist zu bezweifeln. Es hat ihn auch nicht so sehr interessiert. Dagegen war er stets ansprechbar, wenn es etwas und wem zu helfen galt. Im Umgang mit sich selbst zeigte er sich zutiefst skeptisch: „Ich kann manchem helfen, wenn er mir glaubt, aber ich kann mich selbst nicht heilen, denn ich glaube mir nicht.“ In den späten Jahren nahmen seine Krankheiten überhand. Vor allem das Herz machte ihm zu schaffen. Er reiste nicht mehr, um den Leuten irgendwo vorzulesen. Er hasste dieses Unterwegssein seit je. „Die Kunst, Bücher zu schreiben, mag ja eine nicht ganz alltägliche Gabe sein. Aber hinterher tausend Meilen weit zu reisen und aus diesen Büchern vorzulesen, als hätte man es landauf und landab mit lauter Analphabeten zu tun, das halte ich für einen Unfug.“ Immer mehr Schallplatten mit Waggerls Lesungen kamen auf den Markt. Sie machten dem legendären „Faust“ Goethes in der Regie von Gustaf Gründgens Konkurrenz.


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Fotografie von K. H. Waggerl

Der plötzliche Tod Waggerls war Erlösung von schwerem Leiden. Am 4. November 1973 (einem Tag, an dem das Land Salzburg unter einer hauchdünnen Eisschicht erstarrte) kam das Auto mit Waggerl und seiner Frau Dita, die am Steuer saß, von der Straße ab und prallte gegen einen Mast. Der Dichter wurde in das Krankenhaus Schwarzach eingeliefert, es ging ihm gut. Doch gegen Abend stellten sich Komplikationen ein, und er starb.
Die Witwe verurteilte man wegen Fahrlässigkeit zu einer Geldstrafe. An der Beisetzung auf dem Ortsfriedhof nahm nicht nur ganz Wagrain teil. Landeshauptmann Dr. Lechner sprach am Grab. Ihr Beileid bekundeten Franz Jonas, Kurt Waldheim, Bruno Kreisky. Das Wohnhaus auf dem Kirchhoden bleibt als Gedenkstätte erhalten. Seit 1973 hat die Wirkung seines Schaffens in die Weite noch kaum nachgelassen. Die Bücher werden auch zwei Jahrzehnte nach seinem Tod verkauft. Und man gewinnt immer mehr den Eindruck, dass es die Jugend ist, die sich zu seinen Lesern zählt.

 

WERK

Was hat Waggerl mit seinem Werk zu sagen? In seinem bitteren, vom Grauen geprägten Kriegstagebuch steht 1918 der Satz: „Nicht Wahrheit tut not, sondern Güte.“ Und in der Erinnerung an den Vater heißt es: „Allmählich belehrte er mich durch sein Beispiel, daß alle Kunst der Lebensführung im Wissen um die Dinge und Menschen begründet liege.“
Beides sind Schlüsselgedanken zum Schaffen, die auf Dauer standhalten. Der frühe Waggerl ist eindeutig Rebell gewesen, und seine Frau Dita hat dieses radikale Auf- begehren mit allen Kräften unterstützt. Doch ist Rebellion nicht unbedingt und ausschließlich Sache der Lautstärke oder einer hemmungslosen Rücksichtslosigkeit wie man heute allzu oft meint.

Waggerl hat sich in der Mitte seines Lebens auf den Weg nach innen gemacht. Und hat zu schreiben aufgehört, nachdem er all das gesagt hatte, was er sagen zu müssen geglaubt. Das kann man bis in die Einzelheiten bei ihm nachlesen. Von Anfang an hat er sich dagegen gewehrt, abschätzig ein Heimatdichter genannt zu werden: Jeder sei doch irgendwo daheim, und diese Tatsache könne zur Beurteilung seiner schriftstellerischen Arbeit wohl nicht herangezogen werden. Er hat sich dagegen verwahrt, ein Bauerndichter genannt zu werden: Wer schreibe, müsse sich auskennen in der Welt, die er schildere, und er sei nun einmal unter Bauern groß geworden. Er hat nie über die gesellschaftlichen Probleme der Benachteiligten geschrieben, vielmehr den einzelnen Menschen dort beobachtet, wo sich dieser zu bewähren hatte. „Ein Programm zu verkünden, kann nicht meine Aufgabe sein.“ Der Dichter habe nicht Weltanschauung zu gehen, sondern Anschauung der Welt. Darüber ist hei Hermann Hesse einiges nachzulesen. „Alle Dichtung ist zeitlos“, schreibt Waggerl, „weil das Wesen der Dinge zeitlos ist.“

Auch zu seinen Romanen, hei denen er sich oft genug von der Kritik missverstanden sah, hat er sich geäußert. Der Roman „Brot“ habe die männliche, schöpferische Kraft zum Gegenstand, auch die Idee der Schuldhaftigkeit, die wohl von Anfang her mit allem Schöpferischen unlösbar verknüpft sein müsse. Mit dem Roman „Schweres Blut“ wende er sich den Kräften des Herzens zu, der Liebe, der Güte, die mehr wert seien als Weisheit und Wissen. „Das Jahr des Herrn“ handle vom Religiösen - und auch dieser Versuch sei völlig missverstanden worden ... Der vierte Roman (,‚Mütter“) solle alles in sich schließen, was diesem Urbegriff des Mütterlichen zugehöre. Und dann wörtlich:
„Die Wahrheit zu sagen, ich schreibe nicht von dieser Zeit, weil ich nicht für sie schreibe, und alle, die mir zuhören, gehören ihr nicht an.“ Waggerl bezieht sich auf den Maler van Gogh, der gemeint hat: „Wir werden in diesem Kampf vielleicht fallen und nicht siegen, aber ebenso wenig können wir besiegt werden. Vielleicht sind wir weder für das eine, noch für das andere auf der Erde, sondern um zu trösten und eine trostvollere Kunst vorzubereiten.“ Ein Gedanke, der sich auch bei Thomas Mann findet.

Einer, der nicht von seiner und nicht für seine Zeit schreibt, muss es sich gefallen lassen, missachtet und verurteilt zu werden. „Die Hummel da hinten in den Bergen“ hatte wohl viele und anhängliche Leser, doch bei den Kritikern entschiedene Gegner. Die provozierte er auch gern durch Aussagen wie… „ich verabscheue jene gewisse Geistigkeit, die sich auf den Weltverkehr gemünzter Phrasen gründet. Ich habe durchaus nichts zu dem internationalen Geschwätz über höhere Dinge beizutragen.“ Bei der Erörterung handwerklicher Probleme fühle er sich von allen im Stich gelassen. Und in der Tat - man stößt auch Jahrzehnte nach seinem Tod nirgends auf eine Beschäftigung mit seinem zentralen Bekenntnis, dass er lieber Sprachsteller als Schriftsteller sei. „Seither bemühe ich mich unablässig, keinen Satz gelten zu lassen, der nicht klingt, dessen Wirkung nicht durch seine hörbare Sprachmelodie fühlbar wird.“ Selbst wenn ich mit Flugblättern enden müßte!“ hat er geschrieben. (Wie wunder bar fügt sich hierzu ein Gedanke des spanischen Philosophen Ortega y Gasset: „Der Leser ahnt nichts von den Nöten eines Mannes, der eine einzige Seite schreiben möchte. Gar zu wunderbar sind die Dinge dieser Welt. Gar zu viel ist noch über das Geringste zu sagen.“)

Den beiden vorhin genannten Schlüsselgedanken, dem von der Güte wie dem von der Lebensweisheit des Vaters, müssen noch zwei hinzugefügt werden, die gewiss nicht Programm sind, die aber die Quintessenz eines aufmerksamen Lebens genannt werden dürfen: „Weil aber im Bau der Welt das Geringste immer auch ein Gleichnis des Größten ist, kann ich versuchen, aus dem Begrenzten meiner kleinen Welt das Ganze zu begreifen und zu umfassen.“ Und. „Nach allem, was ich erfahren hatte, fand ich keinen Grund. diese Welt als die denkbar beste darzustellen, auch nicht als die denkbar schlechteste, beides schien mir gleich trivial zu sein. Ich fühlte mich von Anfang an gedrängt, den Kräften nachzuspüren, die das Ganze im Gleichgewicht halten, offenbar von Ewigkeit her und in die Ewigkeit hin.“
Waggerl, der 1920 als Aushilfslehrer nach Wagrain gekommen war, der sich schon in den ersten Monaten an Kinderhilfsaktionen beteiligt hatte, der immer zu erreichen war, wenn es zu helfen galt (auch und gerade im Zweiten Weltkrieg, als er wieder Soldat wurde, ein Gräberoffizier), der gewiss auch ausgenutzt wurde, den seine Witwe hingegeben an die Pflege von Haus und Garten - um siebzehn Jahre überlebte, und der - auch das ist Lebensgeschichte - in Salzburg eine Tochter hinterließ, Waggerl hat seinem Dorf unendlich viel gegeben und hat es doch auch weit hinter sich gelassen. Man wird ihn, dem Rang seines Lebenswerkes nach, zu den wesentlichen deutschsprachigen Dichtern dieses Jahrhunderts zählen. Gertrud von Le Fort schrieb über Waggerl: „Er hat die Größe des Einfachen, die Fülle eines reichen Herzens und den tiefschauenden Dichterblick des allen Wesen Verbundenen.“

 

ECHO

Es bleiben aber doch noch viele Fragen offen. Und das muss so sein. Es gehört zu jeder schöpferischen Leistung von Rang, dass sie sich als Herausforderung erweist und bewährt. Es geht um die Wirkungsgeschichte. Dazu Gertrud Fussenegger: „Wenn von einem Autor seiner Art, der nie auf reißerische Spannung geschrieben hat, mehr als sieben Millionen Bücher unter die Leute kommen, dann hatten Millionen Menschen den Eindruck, dass er ihnen etwas zu sagen habe. Diese Tatsache muß auch der schärfste Kritiker zur Kenntnis nehmen, vor allem, wenn er sich selbst literatursoziologisch motiviert sehen will.“ Das ist eine wichtige Anregung für den Annäherungsprozess. Sie wird ergänzt und um ein wesentliches Detail erweitert von Hans Weigel: „Wir Deutschschreibenden und Deutschlesenden in der Stadt sind von grandioser und lamentabler Inkonsequenz.

Wir fressen das Land gierig in uns hinein, wenn es von Knut Hamsun gestaltet wird oder von Jean Giono oder von John Steinbeck oder von C. F. Ramuz wehe aber, wenn ein Dorf uns näher liegt! Heimat - das freut uns nur, wenn es aus der Ferne in unsere Gegend importiert wird.“ Der Adressat dieser vorwurfsträchtigen Zeilen lebt also in der Stadt. Ihn nimmt sich auch der Literaturforscher Ernst Alker (in Wien geboren, tätig in den Niederlanden, in Schweden, in der Schweiz) vor, wenn er resümiert, dass der Absatz von Millionen Waggerl-Büchern zu dem Missverständnis geführt habe, hier sei so eine Art Ganghofer am Werk (heile Welt, Idylle, unentwegter Optimismus). „Das hat in intellektuell anspruchsvollen Kreisen sein Ansehen beeinträchtigt.“
Und Alker fährt kritisch fort: „Jeder aufmerksame Leser kann es beobachten: Waggerls angeblich so harmlos-idyllische Bücher wölben sich über dem Sterben und Verwesen.“ Einmal also ist es der in der Stadt mit seiner Überheblichkeit, dann der eben nicht aufmerksam lesende Intellektuelle, der das Ziel verfehlt, indem er am Werk Waggerls einfach vorbeieilt. So Weigel. So Alker. Und Herbert Eisenreich ergänzt:
„Waggerl ist kein Idylliker! Er ist jemand, der die Welt sehr gut kennt und vielleicht aus einer ganz ehrlichen tiefen Nächstenliebe heraus manches verschweigt, weil er glaubt, daß es sowieso nicht zu ändern sei. Übrigens ist das ein sehr österreichisches Verfahren, ein scharfes Denken hinter einer scheinbar konventionellen Form zu verbergen.“ Es gibt mehr als genug noch gar nicht oder allenfalls kaum beschrittene Wege hin zum Verständnis des Waggerlschen Werkes. Der Rang, die Überzeugungskraft seiner Bücher beruhen nicht zuletzt auf der Meisterschaft im Umgang mit der Sprache. Waggerl hat sich damit immer schwer getan. „Das Schreiben war mir immer eine schreckliche Marter, und ich habe mehr als einmal beschlossen, dieses verfluchte Handwerk endgültig aufzugeben.“ Mit diesen Aspekten seiner Lebensarbeit hat man sich noch kaum beschäftigt. Denn von den frühen Kurzgeschichten bis hin zu den „Lieben Dingen“, den späten Miniaturen, ist es unübersehbar eine große Entwicklung. Worum es dabei geht, das hat Rudolf Bayr beschrieben, als er über Waggerls Sprache und Stil nachdachte: „Fehlerfreies nuanciertes Deutsch, angemessen dem Gegenstand in ausgewogener Ökonomie, die Sätze durchatmet, abgestimmt auf Dichte und Kraft der Emotionen, ausgefaltet auch in Urteil und seinen Gründen, Nutzen der grammatikalischen Strukturen, in Fluß und Verlauf des Schreibens einen Halt anzubringen - derlei Aufwand wird man wohl dem aussterbenden Handwerk zuschlagen müssen.“ Und. „Anspruch und Chance auf Dauer nach Menschenmaß beginnt mit dem makellosen Satz.“ Auch dies ein das Eigentliche betreffender Hinweis für die Annäherung.

Darum wird es in Zukunft gehen müssen: die dichterische Hinterlassenschaft Waggerls auszuloten. Den Lesern Zugänge zu zeigen. Dem Dichter gerecht zu werden. Es gibt gewiss kein eindeutiges Bild von ihm. Jede Generation wird ihr eigenes entwerfen. Die gegenwärtige macht sich über die künstlerischen Aspekte keine Gedanken.
Es bleibt dennoch nützlich, die Fülle der Einzelzüge im Sinn zu haben und in das Nachdenken einzubringen. Darum schließt diese Darstellung seines Lebens und Wirkens mit solchen Hinweisen auf die Besonderheit seines Schaffens, mit den Aspekten also des Echos.